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An einem frostigen Tag im Januar empfange ich Waltraud Weber, die Initiantin von Rûnas Kelims, bei mir im geheizten Büro in Suhr. Sie berichtet von der prekären Flüchtlingssituation in Kurdistan, auf die der Verein Swiss Kurdish Alliance mit speziellen Spendenaufrufen reagiert hat. Die Kurden haben seit letztem Herbst sehr bereitwillig Flüchtlinge aus Syrien und Irak aufgenommen, da sie aus eigener Erfahrung wissen, wie schlimm es ist, wenn man seine Heimat verlassen muss.

Unbenannt-1 KopieWaltraud Weber engagiert sich seit 1989 für Vertriebene, zuerst als Deutschlehrerin für kurdische Asylanten im Appenzellischen Stein, dann fast 20 Jahre als Beraterin in der Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende in St. Gallen. In dieser Zeit ist sie auch als Koordinatorin für Amnesty International für die Türkei aktiv und hört auch da viele tragische Geschichten. Irgendwann reicht es ihr nicht mehr, nur Berichte zu schreiben, sondern sie will etwas Konkretes vor Ort realisieren. Als sie auf ihren zahlreichen Reisen immer wieder die schönen Kelims in den Häusern sieht, entsteht die Idee für die Teppichweberei Rûnas Kelims, ein Projekt zur Selbsthilfe im äussersten Südosten der Türkei in der Provinzhauptstadt Hakkari (kurdisch Colemêrg), wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Sie hat viel Glück gehabt bei der Umsetzung und freut sich, dass Kadir Garipgazioglu, der Färbermeister und Silêman Ertus, der administrative Leiter, seit der Gründung im Jahr 2001 immer noch engagiert sind.

Die Wiege der Kelimweberei

Der kurdische Südosten der Türkei gehört seit Jahrhunderten zu den Zentren der Kelimweberei im Mittleren Osten. Über viele Generationen hinweg war das Kelimweben die Winterarbeit der Nomadinnen. Jedes Mädchen erlernte die Webkunst, Kelims gehörten zur Aussteuer einer jungen Braut. Kelims wurden für den täglichen Gebrauch im Zelt gewoben: als Raumteiler, Wandbehang und Bodenbedeckung, zum Bedecken der Vorräte oder als Bettdecke in kalten Nächten. Für die Weberin war das Weben eines Kelims weit mehr als nur eine Handarbeit. Es war – wie Musik oder Poesie – der Ausdruck eines persönlichen Lebensgefühls. Da sie weder lesen noch schreiben konnten, verwoben sie quasi ihre Lebensromane in die Kelims. So entwickelte jeder Stamm eigene Muster und Farben.

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Militärische Aktionen zwangen in den 1990er-Jahren die Bevölkerung der meisten Dörfer dieser Region zur Flucht in die Städte. Durch den Verlust von Haus und Hof und der daraus resultierenden Armut ging auch die Kunst und das Wissen der Kelimweberei fast verloren. Im Jahr 2001, einer Phase relativen Friedens und grosser Hoffnungen, wurde die Kelimwerkstatt Rûnas in Hakkari (kurdisch Colemêrg) gegründet.

Natürliche Materialien aus der Region
Die von Rûnas verwendete Wolle stammt von Hochlandschafen. Wegen des rauen Bergklimas wächst deren Wolle zwar langsamer, ist dafür aber widerstandsfähiger und weist einen erhöhten Fettgehalt (Lanolin) auf. Die Wolle wird ausschliesslich mit Pflanzenfarben gefärbt; die Färbematerialien dazu stammen aus den Bergen von Hakkari. Einzig das blaue pflanzliche Indigo und die rotviolette Cochenille müssen zugekauft werden. Das wunderbare Tomatenrot der Krappwurzel (kurdisch „Rûnas“) hat der Kelimwerkstatt den Namen gegeben. Der Färbermeister Kadir, der sein Handwerk von den alten Frauen und von seiner Grossmutter erlernt hat, tüftelt ständig an neuen Farben, um die Teppichtradition zu beleben.

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Auch die Weberinnen verfeinern mit viel Engagement die Qualität der Kelims. Den rund 15 Weberinnen steht Sariya Erkaya, die engagierte Weblehrerin, zur Seite. Sie ist stolz darauf, die Verantwortung für die Ausführung der Kelims zu tragen. Und mit den rund 100 Teppichen, die sie pro Jahr in flinker Handarbeit produzieren, können rund 20 Familien ernährt werden.

RÛNAS-Kelims werden aus reiner Wolle an vertikal aufgestellten Webrahmen hergestellt. Auch die Spannfäden sind aus Wolle, dies im Gegensatz zu vielen Webteppichen mit Baumwollbespannung. Kleine Kelims werden von einer, grosse Kelims von drei bis vier Weberinnen gleichzeitig gewoben. Dies erfordert äusserste Aufmerksamkeit, Konzentration und sehr gute Teamarbeit. Heute ist es möglich, Kelims bis zu einer Grösse von 300 x 400 cm zu weben.

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Dank diesem Qualitätsbewusstsein gehören die Rûnas Kelims heute zu den Spitzenprodukten kurdischer Kelimkunst. Die grösste Auswahl finden Sie bei Pfister.057